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“Dear Sun, please shine on us, it’s very cold here.” – Bericht aus Idomeni

Idomeni 1

Ein Gastbeitrag von Theresa Quast.

Ihr habt es sicher schon festgestellt: In den letzten Wochen hat sich der Kern der Debatte über Geflüchtete in Deutschland und Europa verschoben. Während im Herbst durchschnittlich etwa 1.000 Menschen täglich nach Berlin kamen, sind es derzeit nur noch circa 70 Menschen. Auch deswegen verändert sich die Diskussion in Berlin: Weg von den langen Schlangen vor der Registrierungstelle am LAGeSo, hin zu der Frage, wie die Unterbringung für die Geflüchteten gestaltet werden kann. Bei allem Verständnis für diese Diskussion  – wie Ihr wisst, sind wir selbst stark involviert in Fragen der Unterbringung, Versorgung und Qualitätsstandards in den Unterkünften – lohnt sich ein Blick über die Grenzen hinweg hin zu den Ursachen der sinkenden Zahl der Ankommenden. Denn die europäischen Grenzen sind faktisch geschlossen. Die EU schließt einen äußerst diskussionswürdigen Deal mit der Türkei. Die Balkanroute, über die viele Menschen nach Europa gekommen sind, wurde dicht gemacht. Für die Menschen, die vor Krieg, Terror und Verfolgung fliehen, ist kaum noch eine Möglichkeit vorhanden, nach Europa zu kommen. Doch das bedeutet nicht, dass sich die Menschen nicht mehr auf den Weg machen würden. Ihre Reise, zu der sie keine Alternative sahen, als sie aufbrachen, ist nur noch schwerer und unsicherer geworden. Sie harren an den Außengrenzen aus und hoffen auf eine Öffnung der Grenzen. Die Zahlen über die ankommenden Geflüchteten in Deutschland täuschen darüber hinweg. Einer dieser Orte an der europäischen Außengrenze ist Idomeni in der nordgriechischen Region Zentralmakedonien an der Grenze zur Republik Mazedonien. Theresa Quast, die Euch in einem Gastbeitrag im Januar bereits über die Situation auf Lesbos informiert hat, ist derzeit in Idomeni.

Wie sich die Lage und das freiwillige Engagement dort gestaltet, beschreibt Theresa in diesem Gastbeitrag:

Im Dezember/Januar war ich mit dem Swiss Cross Team auf Lesbos und konnte mir für die folgenden Semesterferien nichts anderes vorstellen, als wieder dort zu helfen. Am Ende kam es anders als gedacht: ich flog nach Idomeni – dorthin, wo aktuell die Lage am verheerendsten ist.

Informationen über die derzeitige Situation hatte ich unter anderem direkt aus dem Whatsapp-Chat des Swiss Cross Teams, in dem ein Freiwilliger einen Geflüchteten zitierte: „Sie haben uns in Mazedonien sofort verhaftet. Sie haben uns geschlagen und uns Hunde und Affen genannt. Wenn Flüchtlinge fliehen wollten, wurde mit dem Gewehr auf sie gezielt. Wir wurden wie Tiere auf Militärlastwagen getrieben. Damit brachten sie uns zurück an die Grenze.“

Ich wusste, dass zum Zeitpunkt meiner Ankunft Mitte März zwischen 10.000 und 15.000 Menschen dort sein würden; im Schlamm, in der Kälte, ohne erwähnenswerte Infrastruktur des Lagers.

Die Aktion von Montag, den 15.03.2015, an dem hunderte Flüchtlinge (1500 nach mazedonischen Angaben) versuchten, die „grüne Grenze“ zu überqueren, stellt einen wahren Akt der Verzweiflung dar. Katastrophal, unmenschlich, traurig. Und auch diese drei Worte können nicht wirklich beschreiben, was hier geschieht.

Das Registrierungslager in Moria auf Lesbos, welches mich im Dezember sehr bedrückt gestimmt hatte, ist dagegen eine 5-Sterne-Anlage. Ja, bei solchen Umständen ist es manchmal schwer, nicht zynisch zu werden.

Die geflüchteten Menschen, die es schaffen, uns Freiwilligen bei dieser unterschwelligen Hoffnungslosigkeit, die im Camp herrscht, ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, machen mich sprachlos.

Um ein genaues Bild von unserem Job vor Ort zu machen, stelle ich hier einmal einen typischen Tagesablauf dar:

15.03.2015:

Beim Abendtreff besprechen wir die aktuelle Lage. Das Team ist erst seit zwei Wochen vor Ort und es wird sich noch ein Überblick verschafft, woran es fehlt und wie man genau helfen kann. Dabei dreht sich immer wieder alles um folgende Punkte: Welche dringenden Bedürfnisse haben die Menschen? Wie können wir ihnen aktuell helfen (Hilfe zur Selbsthilfe)? Holz? Hygieneprodukte für Frauen? Schuhe? Zelte? Milch?

Bei über 10.000 Menschen muss eine solche Hilfsaktion gut durchdacht werden. Man kann nicht einfach mit einem Wagen voll Kondensmilch vorbei fahren und schauen was passiert. Auch wenn nur die Personen die Milch erhalten, die sich stundenlang in die Schlange stellen, ist das nicht die optimale Lösung.

Also planen wir die Verteilung morgens früh ab 3.50 Uhr: Von Zelt zu Zelt schleichend, „Halib“ (Milch) flüsternd, stecken wir die Dosen in die Zelte.

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16.03.2015:

Um 3.30 Uhr klingelt der Wecker und keine 20 Minuten später sitzen wir in den Autos auf dem Weg ins Camp an die Grenze. Wir sind zur Zeit zu sechst im Team; vier Schweizer, zwei Deutsche (drei Männer, drei Frauen). Bis 7.00 Uhr verteilen wir die Kondensmilch an die Menschen. Die Dosen werden dankend angenommen.

Und so schleppen wir Tasche für Tasche gefüllt mit Dosenmilch über die riesigen Schlammplätze. Endlose Zeltlandschaften liegen vor uns. Es riecht undefinierbar; eine Mischung aus Abfall, Lagerfeuer, Dixi-Klo.

Babies weinen, aus manch einem Zelt ertönt aber auch ein tiefes Schnarchen. Es ist saukalt – und nass sowieso. Die Zelte sind in Folie eingemauert. Man findet kaum eine Öffnung, um die Milch hineinzureichen.

Und dennoch muss man auch positive Situationen in Erinnerung behalten, wie diese – wie in einem Film: Ich höre ein blechernes Geräusch hinter mir. Kaum die Dose in der Hand, wurde sie wohl genüsslich ausgeschlürft und vor Freude einfach hinaus geworfen. Da ist mir egal, ob die Person ihren Müll auf die Straße wirft. Diese Kondensmilch-Dose hat gerade ihren Job erledigt und einen hungrigen Menschen gesättigt.

7.15-9.15 Uhr: Ein griechisches Café ungefähr drei Kilometer vom Camp entfernt, überfüllt mit geflüchteten Menschen. Die meisten wollen nun mit einem Taxi nach Thessaloniki fahren. Wie es dann weiter geht, steht allerdings in den Sternen. Wir werden vom Cafébesitzer gefragt, ob wir bereit wären, den Hof ein bisschen vom Müll zu bereinigen. Na klar, das machen wir gerne. Die Griechen sind den Menschen gegenüber so hilfsbereit. Also los, Handschuhe an und Mülltüten parat. So viele kleine und große Mithelfer, denn die geflüchteten Menschen sind glücklich, wenn sie mit uns den Müll aufsammeln dürfen. Damit sie diese Arbeit auch ohne uns weiterhin erledigen können, lassen wir ihnen einige Mülltüten da. Viele Hände, schnelles Ende. Ein junger Mann ist besonders ehrgeizig dabei. Er kommt aus Afghanistan und spricht Englisch und sogar einfaches Deutsch. Er erzählt mir von seinen Plänen nach Hamburg zu gehen, wo ein Teil seiner Familie lebt. Er fragt mich, ob die Grenzen sich wohl wieder öffnen würden. Puhh…. die Hoffnung löst sich langsam auf. Was uns verbindet, ist Wut. Was ich denke: der Arme, dass er ausgerechnet auch noch aus Afghanistan kommt und nicht aus Syrien. Und diese Gedanken tun einem in der Seele weh. Ich spreche unter anderem auch eine alte Dame an, frage sie, woher sie kommt, sie spricht kaum Englisch, schämt sich dafür. Ihre Worte verstehe ich nicht, weiß aber dennoch, dass ich sie richtig verstanden habe. Blicke sagen mehr als tausend Worte.

9.30-16.00 Uhr: Wir schmieren 1500 Sandwiches, packen diese aus hygienischen Gründen in Folie und zusammen mit einer kleinen Flasche Wasser, einem Apfel und einer Banane wiederum in eine Tüte. Diese Essenbeutel sind sehr wichtig für die Camp-Bewohner. Denn Supermärkte gibt es nicht mal so eben um die Ecke. Wohlmöglich für einige das einzige Essen, welches sie am Tag erhalten.

Es sind freiwillige Helferinnen und Helfer aus allen möglichen Ländern, die durch Spendengelder oder ihre eigenen Gelder Essen ranschaffen. Viele griechische Helferinnen und Helfer sind aktiv.

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17.00-19.00 Uhr: Die Essensvergabe im Camp. Hunderte von Metern ist die Doppelschlange lang. Ich blicke in hunderte, wenn nicht tausende strahlende Gesichter. Ich selbst sorge dafür, dass sich alle brav hinten anstellen und dass genug Platz für den Weg ans Ende der Schlange ist. Die Menschen freuen sich einfach nur über einen Blick in die Augen. Besonders die Frauen und Kinder schauen mich neugierig an, um mir dann ein unbeschreiblich ehrliches Lächeln zu schenken. Wenn ich erzähle, dass ich aus Deutschland komme, wollen die Kinder einfach nur meine Hand halten. Oder mich ganz fest in ihre Arme nehmen.

Es fühlt sich im Nachhinein ein bisschen komisch an. So als wäre ich etwas Besonderes, weil ich aus einem anderen Land komme. Dabei weigere ich mich doch immer strikt gegen genau diesen Gedanken. Aber wenn es das Bild von einem Leben in Deutschland ist, welches den Menschen in ihrem Elend Hoffnung schenkt, hat es doch etwas sehr Positives.

Und dennoch – es sind wieder diese Begegnungen, die einen das Ganze drum herum vergessen lassen. Ich höre auf, mich zu fragen, warum wir so viele Plastiktüten verwenden und warum wir nicht mehr als vier bis fünf geflüchtete junge Männer und Frauen in die Essensvorbereitung und –verteilung miteinbeziehen. Kein Hinterfragen, es ergibt alles einen Sinn. Und es fühlt sich am Ende doch richtig an. Diese Menschen haben Hunger und frieren. Jeder Blick und jede Umarmung erwärmt ihre und unsere Herzen.

19.00-19.30 Uhr: Rollstuhlvergabe. Eine junge Frau aus der Schlange beim Essen bat mich um Hilfe; ihre über 85 Jahre alte Mutter könne doch nicht mehr gut laufen und der Rollstuhl sei ihnen abhanden gekommen. Seit Tagen versuche sie alles, einen Rollstuhl zu bekommen. „Nur bei Emergency Cases“, so heiße es immer wieder. Es dauert keine fünf Minuten und wir haben einen Rollstuhl organisiert. Es gibt eine Lagerhalle für alles Mögliche, die für die Freiwilligen zugänglich ist. Glücklicherweise befand sich hier der ersehnte Rollstuhl.

20.30 Uhr: Planung des nächsten Tages: systematische Schuhvergabe. Eine Lieferung aus der Schweiz (1500 gespendete Paare) trifft in der Nacht ein. Wir fahren um 4.30 Uhr los, um eine Zeltreihe ganz unbemerkt Zelt für Zelt nach dem Schuhbedarf zu fragen, notieren dies in unserer Whatsapp-Gruppe: „Tent 1, w 38, m 43, c 28, 32, 34“. Derweil werden an anderer Stelle Müllsäcke mit dem Bedarf gefüllt, passende Socken und (wenn sich Babies in der Familie befinden) Feuchttücher kommen hinzu. Anders ist die Aktion bei so vielen Menschen leider nicht möglich. Bei einer Massenverteilung würden viele Schuhe im Schlamm landen und die Situation könnte eskalieren.

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Das Swiss Cross Team tut alles, was es kann, ist flexibel und immer bereit, sich der täglich wechselnden Gegebenheiten anzupassen. Wir wissen nicht, wie es weiter geht. Ob die Grenzen geschlossen bleiben – davon gehen wir leider aus – oder nicht. Ob in Idomeni ein sogenannter „Hotspot“ entsteht, oder ob das Camp geschlossen und die Geflüchteten evakuiert und in andere Camps gebracht werden. Fakt ist, dass es noch Zeit braucht, bis sich die Situation an dieser Stelle Griechenlands in der Hinsicht verändert, dass freiwillige Helferinnen und Helfer überflüssig werden. Also stellen wir uns darauf ein, etwas länger hier zu bleiben.

Ein 25 Jahre alter Student aus Syrien steht an den Bahngleisen, um welche sich eine Zeltstadt gebildet hat. Er hält ein Schild vor sich, auf dem geschrieben steht: „Dear Sun, please shine on us, it’s very cold here. They are not going to let us in but we have nowhere to go back.“

Sie haben keine Heimat mehr.

Deshalb verharren sie hier in der Kälte und Nässe, in der Krankheit alltäglich ist.

Wenn Ihr selbst mit dem Gedanken spielt, als volunteer nach Idomeni zu gehen, oder einfach gerne mehr erfahren möchtet, schreibt einfach eine Email an media@kreuzberg-hilft.com, Betreff „Idomeni“.

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Auf unserem Kreuzberg hilft Blog möchten wir Euch über Aktuelles und Interessantes rund ums Thema Flucht und Ankommen informieren. Dabei sollen neben unseren eigenen Beiträgen auch Gastbeiträge neue Themen und Perspektiven ermöglichen. Wir wählen dafür ausschließlich Beiträge aus, die unserer Grundeinstellung entsprechen, was aber nicht bedeuten muss, dass wir den Gastautor_innen in jedem Detail zustimmen.

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