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Hinschauen, wo Europa wegschaut. Anpacken, wo Europa die Hände in die Taschen steckt. – Bericht aus Lesbos

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Gastbeitrag von Theresa Quast, einer freiwilligen Helferin aus Lesbos.

Die Begegnungen mit den geflüchteten Menschen, die ich durch die Arbeit mit Kreuzberg hilft erleben darf, führten mich auf eine Reise weit weg von Berlin. Als ich im Flugzeug nach Lesbos saß, sprachen mich meine zwei griechischen Sitznachbarn an: „Why do you go to Lesvos? You are a volunteer?“. Die beiden betonten aufrichtig ihre Dankbarkeit dafür, dass freiwillige Helferinnen und Helfer aus allen Ländern kommen, um sie in dieser Notlage zu unterstützen.

Die flüchtenden Menschen, die auf Lesbos ankommen, haben nichts bei sich als die Kleidung, die sie tragen und manchmal noch einen kleinen Rucksack oder eine Plastiktüte. Sie haben alles hinter sich gelassen, häufig auch ihre Familie – vorerst oder für immer. Daher sind es viele junge Männer, die sich auf den Weg machen. Weil sie nicht in den Krieg ziehen und unschuldige Menschen töten wollen. Weil sie eine solche Bootsüberfahrt noch am ehesten überleben. Es kommt vor, dass die türkische Küstenwache die Schlauchboote aufschlitzt und die Männer zurück ans Ufer schwimmen lässt. Nicht nur einige hundert Meter, sondern einige Kilometer. Auch bei Eiseskälte. Die Frauen und Kinder werden mit Schiffen der Küstenwache zurück gebracht und können dann sehen, wie und ob sie ihre Männer oder Brüder, Cousins oder Freunde je wieder sehen.

An einem ‚normalen’ Tag kommen an die 2.000 Menschen auf der Insel an. Massen von Schwimmwesten sammeln sich an, sowie zahlreiche Gummi- und Fischerboote. Die Insel zu pflegen und von diesem Müll an den Stränden zu befreien, ist auch eine Aufgabe der Freiwilligen. Vor allem aber werden die Ankommenden von den Helfer_innen so schnell es geht mit medizinischer Hilfe, Essen, Trinken und Kleidung versorgt. Auch die Registrierungsstelle in Moria wird hauptsächlich von Freiwilligen organisiert. Das Swiss Cross Team, geleitet von Michael Räber aus der Schweiz, führt in Molyvos einen Spendenraum, so wie ich ihn von Kreuzberg hilft kenne. Die Kleidung transportierten wir tagsüber zu den verschiedenen Camps und bereiteten die „Nachtkisten“ für unser Team vor. Denn zu den Hauptaufgaben von Swiss Cross zählen die Nachtschichten, in denen die Küsten abgefahren werden, um die ankommenden Menschen in Empfang zu nehmen. Die Menschen, denen ich gespendete Kleidung angezogen habe, nachdem sie bis zu fünf Stunden bei stockdunkler Nacht in überfüllten Gummibooten auf See um ihr Leben bangen – diese Menschen sind dafür sehr dankbar.

Die Bootsankünfte

Das Team von Swiss Cross fährt nachts raus, um den ankommenden Menschen beim Aussteigen aus den Booten zu helfen. Es besteht eine Verbindung über WhatsApp zu den Neuankömmlingen. Auch ihren Standort bekommen wir regelmäßig gesendet. So kann man in etwa abschätzen, wie lange das Boot noch unterwegs ist und wo es ankommen wird.

Die Boote setzen meist erst nach Mitternacht von der türkischen Küste ab, da die Küstenwache dann weniger präsent ist. Die Menschen verstecken sich in den Bäumen und Büschen und müssen möglichst still und unsichtbar sein, bis sie in ein Boot steigen können. Für die Fahrt zahlen sie zwischen 700 und 2500 Euro. Die nutzlosen Schwimmwesten, welche ihnen eher zum Verhängnis werden, da sie sich zum Teil mit Wasser vollsaugen, kosten bis zu 250 Euro. Meist sind es geschätzt ca. 40-60 Menschen. Diese Zahl übersteigt die empfohlene Maximalzahl von 15 Passagieren der kleinen Boote bei weitem.

Zum Vergleich: Touristen fahren für ca. 5 Euro mit einer so gut wie leeren Fähre nach Mytilini.

Frauen und Kinder sollen sich in die Mitte des Bootes setzen, was dazu führt, dass besonders sie komplett durchnässt und durchgefroren ankommen – wenn sie ankommen. Sie dürfen kein Licht machen und fahren durch eine stockdunkle, benebelte Wasserlandschaft. „Follow the red lights“, ruft ihnen der Schlepper noch hinterher. Und, dass sie schreien und rufen sollen, sobald sie das andere Ufer sichten.

Am anderen Ufer, dem griechischen, stehen wir, die volunteers. Auch wir bleiben im Dunkeln, dürfen keine Lichtzeichen geben und den Weg weisen. So kann es passieren, dass die Boote an steiniger Küste ankommen, was den Ausstieg gefährlich macht. Unsere Nachtschicht beginnt meist um 1.00 und dauert, so lang es dauert. Je nachdem, wie viele andere volunteers nach Sonnenaufgang am Strand eintrudeln, bleiben die Helfer_innen von Swiss Cross dann bis 16.00, manchmal länger.

Nachtschicht

Mir wurde gesagt, dass wenn man die Schreie hört, es nur wenige Minuten dauert, bis das Gummiboot das Ufer erreicht. Erste Priorität hat das Hochhalten der Lichter, damit alle sehen, wo sie hintreten, Eltern ihre Kinder finden können und keine Panik ausbricht. Als ich zum ersten mal dort stehe und in jeder Hand eine schwere Lampe halte, werde ich von einer Frau und ihrer Tochter umarmt, minutenlang, während ich die Arme weiterhin nach oben strecke – strecken muss. Sie bedanken sich dafür, dass wir hier stehen. Die Tränen steigen mir in die Augen – eine so lange, so herzliche Umarmung habe ich noch nie erhalten. Diese Begegnung werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Die Gegebenheiten der Bootsankünfte können sich stark unterscheiden. Mal sind die Menschen von oben bis unten klatschnass und durchgefroren, kreidebleich, extrem dünn oder gar verletzt, mal steigen sie gesund und munter aus dem Boot. Was sich jedoch in allen Augen widerspiegelt ist Erleichterung.

Wenn die Situation sich beruhigt hat und die Menschen alle an Land sind, kümmern wir uns um die nasse Kleidung der Ankommenden. Beinahe immer sind die Füße klatschnass, die Hose meist auch. Manchmal müssen wir die komplette Kleidung auswechseln, manchmal nur die Socken. Schuhe für Erwachsene gibt es leider kaum noch auf der Insel, und auch unser Lager mit Kleiderspenden aus der Schweiz gibt davon kaum welche her. Daher behelfen wir uns mit zerschnittenen bzw. zerrissenen Rettungsdecken. Diese wickeln wir einmal direkt um den nackten Fuß, dann ziehen wir eine Socke darüber. Als Trockenschutz gegen die durchnässten Schuhe wickeln wir dann ein weiteres Stück Rettungsdecke um die Socke. Dieses Prozedere wiederholt sich bei mindestens 40 Menschen pro Boot, in Sekundenschnelle.

Wenn jemand „water“ ruft, rennt man zum Wagen und holt schnell Wasser. Wenn jemand „sugar“ ruft, holt man die Schokolade, die eigentlich dafür gedacht ist, den Kindern eine zusätzliche Freude zu bereiten. Sie hilft auch bei Unterzuckerung. Dann geht es weiter: “Pants! Men pants!“, „We need a blanket – Who has got a blanket?“. “A doctor, we need a doctor!”.

Vor Ort sind nur Freiwillige, auch Ärzte. Von denen gibt es viel zu wenige, besonders in einer „wilden Nacht”, wenn im Minutentakt neue Boote an unterschiedlichen Stellen eintreffen. Man rennt und rennt, nimmt den Menschen so viel nasse Kleidung ab wie nur möglich und gibt ihnen trockene, möglichst passende Sachen für die Weiterreise. Denn im Camp Moria werden sie erst einmal Schlange stehen müssen, um an trockene Kleidung zu kommen. Egal wie kalt es ist.

Begegnungen

Die Kinder sind meist von oben bis unten klatschnass. Sie sind so tapfer. Ich weiß nicht, wie viele Babies und Kinder ich aus- und wieder angezogen habe; wie viele Babies und Kinder ich habe weinen sehen und hören. Aber ich habe auch unzählige strahlende Augen gesehen, seien es die der Kinder oder der Eltern, wenn die Kleinen wieder warm eingepackt waren oder auch nur die Rettungsdeckenschnipsel provisorisch unter die nasse Kleidung geschoben oder als Schuhersatz um die Füße gewickelt bekamen. Das Lächeln eines kleinen Mädchens werde ich nie vergessen. Ich brachte ihr eine gelbe Jacke, die ihr wie angegossen passte. Sie schaute an sich hinunter und dann wieder zu mir: Ihre Augen strahlten so sehr. Es war unbeschreiblich. Diese Sekunden, in denen sich unsere Blicke trafen, vereinten uns und brachten einen Moment Ruhe, trotz des hektischen Geschehens um uns herum.

Plötzlich ging alles wieder ganz schnell. Viele Menschen, alle durchnässt bis oben hin. Es war leider schon das siebte Boot an diesem Morgen, sodass unsere Kleidung ausgegangen war. Ein kleiner Junge wurde mir in die Arme gedrückt, höchstens drei Jahre alt. Er schaute mich mit großen Augen an. Ich versuchte ihm zu erklären, dass diese komische goldene knisternde Materie ihn warmhalten soll und er keine Angst davor haben muss. Dann quetschte ich die Rettungsdecke unter all seine Kleidung und bedecke damit so viel Haut wie möglich. Das Kind roch nach Urin. Seine nasse Windel, die nasse Hose und den nassen Pullover musste er darüber anbehalten. Er beobachtete still, was ich tat. Als ich ihn dann in eine unserer letzten Decken wickelte, grinst er mich an. Mehrmals. Ich hielt ihn im Arm und wartete darauf, dass seine Mutter oder sein Vater auftauchen würden. Ein anderer kleiner Junge, ich nahm an, es sei sein Bruder, setzte sich neben uns. Ebenfalls komplett durchnässt und am ganzen Körper zitternd. Ich begann, auch ihn mit Rettungsdecke zu versorgen. Plötzlich kniete sich ein Mann rechts neben mich und fängt an zu weinen. Sein Gesicht hält er in seinen Händen. „Mother dead, father dead“, war alles, was er stammeln konnte.

Warten

Häufig kommt es vor, dass man während eines Nachteinsatzes wartet. Dieses Warten wird erst dann zum schrecklichsten Erlebnis, wenn man weiß, dass das Boot auf welches man wartet, sich bereits mit Wasser füllt und 20 Kinder an Bord hat. Man erhält die Nachricht, dass Menschen auf dem Boot sterben und dass das Boot sinkt. Man wartet darauf, dass man das Boot sichtet und hofft darauf, dass die griechische Küstenwache oder die spanischen Rettungsschwimmer mit ihrem Boot auftauchen, um zu helfen. Man ist machtlos, wie versteinert. Einmal fragt mich eine junge Frau aus unserem Team „Could you please wake me up? This can’t be reality“. Dabei ist es genau das, Realität. Und wir können und dürfen nichts tun. Das nenne ich organisierte unterlassene Hilfeleistung.

Im Laufe des Tages des 5. Januar 2016 dann die Nachricht: Über 30 Tote. So erfährt es zumindest die Öffentlichkeit. In Wahrheit sind drei Boote nicht angekommen. Das heißt mindestens 100 ertrunkene Menschen. Beim gemeinsamen Abendessen trauern wir zusammen im Team. Und ich bin dankbar, dass ich nicht alleine bin. So etwas steckt niemand leicht weg.

Camp Moria

Ziemlich bald nach Bootsankunft treffen die Busse der UNHCR ein. Sie bringen die Menschen ins Camp Moria, wo sie sich für die Registrierung anmelden, um dann bei Bewilligung auf legalem Weg zunächst mit dem Taxi, dann mit der Fähre nach Athen zu reisen. Doch vorerst steht ihnen meist mindestens eine Nacht in dem dreckigen, menschenunwürdigem Flüchtlingslager in Moria bevor. Das Registrierungscenter liegt abseits von allem Leben und trennt die Ankommenden von der lokalen Bevölkerung. Das Gebäude ist ein ehemaliges Abschiebungsgefängnis, umgeben von hohen Zäunen mit Stacheldraht – „Willkommen in Europa“. Man muss sich nur vor Augen führen, dass viele Geflüchtete Folteropfer sind, oder ihnen in ihren Heimatländern das Gefängnis drohte und sie davor flohen.

Die Neuankömmlinge stellen sich zunächst in einer Schlange auf, um sich registrieren zu lassen. Hier erhalten sie das sogenannte „white paper“, mit dem sie die Fähre zur Weiterreise nach Athen nutzen dürfen. Beinahe alle Menschen, mit denen wir ins Gespräch kommen, wollen nach Deutschland. Einige wollen gerne nach Schweden. Für Marokkaner und Algerier ist die Situation beinahe aussichtslos. Es gab einen Zwischenfall im Camp Moria, als ein Marokkaner die Fassung verlor und mit einem Messer drohte. Seitdem (über 20 Tage) ist die Registrierung für alle Marokkaner geblockt. Für ALLE. Mir fehlen die Worte… Ein paar Nächte kann man bei der Eiseskälte in Zelten und der allgemein schlechten Verpflegung ja noch überstehen. Aber 20? Grausam.

Relativ zu Beginn meines Lesbos-Aufenthaltes mache ich eine Nachtschicht (00.00 bis 8.30 Uhr) im Camp Moria. Die Zustände machen mich sprach- und fassungslos.

Ein junger Mann kommt zum Kleiderzelt, er braucht dringend Kleidung. Doch es gibt weder Unterhose noch Winterjacke für den frierenden Mann. Er schlotterte vor sich hin. Er musste wie alle anderen Männer auf dem Stein- oder Matschboden in einem unbeheizten Zelt schlafen. Ohne Unterhose, ohne Jacke.

Im Küchenzelt spülen wir die riesigen Suppentöpfe mit eiskaltem Wasser. Plötzlich gibt es gar kein Wasser mehr. Und somit vorerst auch keinen Tee und keine Suppe. Wir werden geschickt, um Wasserkanister zu holen. Es ist so kalt, dass in den Kanistern Eisstücke schwimmen. Außer dem Ärztezelt ist keines der Zelte beheizt. Weder das Küchenzelt, noch das Freiwilligenzelt, noch die Zelte, in denen die Menschen zu Bett geschickt werden.

Während meiner Nachtschicht soll ich Frühstück an die seit 6:00 Uhr morgens in der Schlange stehenden Menschen verteilen. Diese warteten darauf, dass sich etwas tut und sie sich zur Registrierung anmelden können. Die Registrierungsstelle öffnet jedoch eher willkürlich, sodass die Leute dort teils tagelang ausharren müssen. Das Frühstück, welches ich ihnen gebe, nehmen sie dankend an. Kalter Reis mit kalten Bohnen – sechs Tage alt.

Lesbos

Über 850.000 Flüchtlinge, hauptsächlich aus Syrien, dem Irak und Afghanistan nahmen (besonders seit April 2015) den Weg über Griechenland nach Europa auf sich. Zunächst stemmten die Griechen die Hilfe für die Ankommenden allein und halfen ihnen an Land. Die Hilfe der Freiwilligen aus allen möglichen Ländern wurde schnell zur unersetzlichen Unterstützung. Man stelle sich nur mal vor, dass vor der eigenen Haustüre Menschen sterben und man sich nicht in der Lage fühlt, etwas dagegen ausrichten zu können. Laut UNHCR-Daten starben im letzten Jahr 3.771 Menschen im Mittelmeer oder werden noch vermisst. Die traurigste und aktuellste Bilanz der UNHCR: seit September letzten Jahres starben zwei Kinder täglich im Mittelmeer.

Dies ist eine subjektive Erlebnisbeschreibung. Mich von diesen erschütternden Erfahrungen in gewisser Weise abzugrenzen, ist nicht ganz einfach. Aber durch das wundervolle Team von Kreuzberg hilft und die Arbeit hier konnte ich in Berlin direkt wieder aktiv werden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wenn Ihr selbst mit dem Gedanken spielt, als volunteer nach Lesbos zu gehen, oder einfach gerne mehr erfahren möchtet, schreibt einfach eine Email an media@kreuzberg-hilft.com, Betreff „Lesbos“.

Außerdem möchte ich euch folgende Links ans Herz legen:

Flüchtlinge-Lesbos

Schwizer Chruez

Better Days for Moria

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Auf unserem Kreuzberg hilft Blog möchten wir Euch über Aktuelles und Interessantes rund ums Thema Flucht und Ankommen informieren. Dabei sollen neben unseren eigenen Beiträgen auch Gastbeiträge neue Themen und Perspektiven ermöglichen. Wir wählen dafür ausschließlich Beiträge aus, die unserer Grundeinstellung entsprechen, was aber nicht bedeuten muss, dass wir den Gastautor_innen in jedem Detail zustimmen.

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