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Ein paar Worte und Gedanken zum Jahresende | Teil 1

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Die Adventszeit und das Ende eines Jahres sind ein guter Zeitpunkt, einmal innezuhalten, zurückzublicken und sich bewusst zu machen, was eigentlich alles passiert ist in den letzten Wochen und Monaten.

Und in unserem Fall ist das nicht wenig, im Gegenteil. Gemeinsam haben wir viel geschafft, sind manchmal ein gutes Stück über uns hinausgewachsen und haben gefühlt Unmögliches möglich gemacht. Vor knapp vier Monaten, Anfang September, hat Kreuzberg hilft im Keller des homage store im Graefekiez den ersten Spendenraum eröffnet. Doch schon bald wurde es eng, die Regale waren bis unter die Decke vollgestapelt und die vielen Helfer_innen, die tagtäglich von morgens bis abends vor Ort waren, hatten kaum noch Platz, sich zu bewegen. Dann war plötzlich Oktober, die verabredete Zeit zur Nutzung des Raums fast abgelaufen und wir auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten.

12362864_10153391338787695_5922620923238566750_oNicht zuletzt Dank Eurer Hilfe hat Kreuzberg hilft Anfang November ein neues Zuhause im Herzen Kreuzbergs gefunden. Der Umzug an den Mariannenplatz 1 hat durch die Unterstützung vieler toller Menschen schnell und reibungslos geklappt und seitdem haben wir viel mehr Platz für all die so dringend benötigten Spenden. Dass wir auch 120 Quadratmeter Berliner Altbau in kürzester Zeit mühelos bis unters Dach füllen können, müssen wir wahrscheinlich nicht erst erwähnen.

Natürlich freut uns das wahnsinnig, denn leider ist die Versorgung von offizieller Seite immer noch nicht ausreichend organisiert, um die Not und Hilflosigkeit der vielen tausend Geflüchteten auch nur ansatzweise aufzufangen. Gleichzeitig sind wir dadurch mehr denn je auf Eure Unterstützung angewiesen.

In Berlin gibt es zahlreiche Unterkünfte für Geflüchtete und andere Einrichtungen. Über 80 davon beliefern wir mit Kleidung, Hygieneartikeln, Lebensmitteln, Spielsachen und vielem mehr. Für diese wird fast täglich all das an Sachspenden angenommen, was auf unserer regelmäßig aktualisierten Bedarfsliste steht. In unseren Räumen werden die Sachen vorsortiert, gelagert, den Bedarfen der Notunterkünfte entsprechend gepackt und durch ganz Berlin gefahren – überall dorthin, wo sie von Menschen gebraucht werden. Wir sind auch Spendeannahmestelle für die Unterkunft im Tempelhofer Flughafen und die Notunterkünfte in Kreuzberg.

Denn seit November gibt es auch in Kreuzberg vier Notunterkünfte (auch NUK genannt). Sie wurden in Turnhallen eingerichtet und beherbergen derzeit insgesamt ca. 750 Männer, Frauen und Kinder. Die Einrichtung dieser Unterkünfte passiert meistens innerhalb weniger Stunden, eine langfristige Planung ist schlichtweg unmöglich.

Am Nachmittag kommt die Information vom LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales, das in Berlin für die Registrierung, Unterbringung und Versorgung der Geflüchteten zuständig ist), dass eine Turnhalle belegt wird. Ein Träger wird genauso kurzfristig beauftragt, die Notunterkunft zu betreiben. Das können staatliche (Wohlfahrts-)Organisationen sein, aber auch privatwirtschaftliche Unternehmen, die sich beim Land Berlin ebenfalls als Träger bewerben können. Die Feuerwehr, das THW oder ein anderes Hilfswerk rückt an und zieht einen Fußboden ein. In einer gemeinsamen Aktion werden Feldbetten aufgebaut oder Rollmatratzen verteilt, Decken und Kissen bezogen und für die Erstversorgung mit Lebensmitteln und Kleidung gesorgt. Idealerweise hatte der Catering-Service, der ebenfalls kurzfristig vom Träger beauftragt wird, im Vorfeld Zeit, einkaufen zu gehen. Und eine Mahlzeit zu planen, die die ankommenden Männer, Frauen und Kinder satt macht und auf unterschiedliche kulturelle Gegebenheiten Rücksicht nimmt. In der Realität ist es leider häufiger so, dass einige Helfer_innen losziehen, um Müsliriegel, Obst und Mineralwasser zu kaufen, damit die Menschen nicht hungrig in ihre Betten fallen. Idealerweise stehen für die Registrierung der Menschen, die meist spät in der Nacht stattfindet, Sprachmittler_innen bereit. In der Realität hilft oft die Security aus oder es sind Ehrenamtliche, die die Menschen willkommen heißen. Wenn alles gut läuft, werden in den Tagen nach dem Erstbezug Hochbetten geliefert und gemeinsam mit den Bewohner_innen aufgebaut. Manchmal allerdings wartet man auf diesen bescheidenen „Luxus“ lange oder vergebens. In einigen Notunterkünften schlafen die Menschen immer noch auf Feldbetten – wobei an Schlafen aufgrund der beengten Zustände und der Unruhe oft kaum zu denken ist.

IMG_4621Ohne die unermüdlichen Helferinnen und Helfer sähe es noch trauriger aus: Sie richten Kleiderkammern und Spielecken ein, helfen bei der Essensausgabe, übernehmen Krankentransporte und Behördengänge und versuchen, die schwierige Lage der Menschen mit all ihren Kräften und Mitteln zu verbessern.

Wir koordinieren die ehrenamtliche Unterstützung der Helfer_innen vor Ort mit dem Träger der Einrichtung und den Hauptamtlichen. Das ist nicht nur ein logistischer, sondern auch ein menschlicher Kraftakt und alleine nicht zu bewältigen. Für die Koordinierung der Freiwilligen nicht nur in den Kreuzberger Unterkünften sondern berlinweit und darüber hinaus wurde der sogenannte Volunteer Planner eingerichtet. Hier könnt Ihr euch einfach registrieren und u.a. für die Essens- und Kleiderausgabe, die Kinderbetreuung oder für Sprachmittlung eintragen. Darüber hinaus organisieren wir Aktivitäten für und mit geflüchteten Menschen, Spendenaktionen und Events.

Was wir alles gemeinsam erreicht haben, ist wirklich unglaublich. Doch hinterfragen wir doch von Zeit zu Zeit, was wir hier gemeinsam eigentlich alles leisten.

Wenn in einer Kraftaktion vieler Ehrenamtlicher hunderte von Feldbetten aufgebaut werden – und Hauptamtliche uns dabei zusehen.

Wenn Betreiber von Notunterkünften monatelang auf das Geld des Landes Berlin warten müssen und kurz davor sind, einfach hinzuschmeißen.

Wenn wir und andere Initiativen die Geflüchteten mit Sachen versorgen, für die der Staat zuständig sein muss – seiner Fürsorgepflicht aber nicht nachkommt.

Wenn wir uns fragen, ob wir mit unserem Engagement nicht ein System aufrecht erhalten, das wir in vielen Punkten scharf kritisieren und das ohne ehrenamtliche Hilfe zusammen brechen würde.

Dann geraten wir ins Zweifeln, wenn Ehrenamt über freiwilliges Engagement hinaus geht und Hauptamt ersetzt.

Dann werden wir nachdenklich, wenn wir uns der eigenen Grenzen bewusst werden.

Dann geraten wir in Wut, wenn wir wahrnehmen, dass elementare Dinge aus unserer Sicht leicht verbessert werden könnten – aber nichts oder zu wenig geschieht.

Und in diesen Momenten fragen wir uns, was Kreuzberg hilft eigentlich bewegen kann und wie es weitergehen soll. Diese und ähnliche Fragen stellen wir uns in letzter Zeit häufiger und diskutieren sie innerhalb der Kreuzberg hilft-Gruppe. Und wir tragen sie an die Öffentlichkeit, an politischen Vertreter_innen, an die Verwaltung und an die Betreiber der Unterkünfte. Wir tauschen uns mit anderen Initiativen aus und vernetzen uns.

Für uns stehen die geflüchteten Menschen im Mittelpunkt unserer Tätigkeit. Daher wollen wir auch im nächsten Jahr weitermachen – mit vielen weiteren Lieferungen von Spenden an Unterkünfte, Unterstützung in den Notunterkünften, Kooperationen mit anderen Initiativen, Unternehmen und Institutionen und vielen tollen Aktionen und Projekten, die Menschen mit Menschen zusammenbringen.

Wir wünschen Euch allen ein frohes Weihnachtsfest, erholsame Feiertage und einen wundervollen Start ins neue Jahr!