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Kreuzberg hilft beim MyFest 2016

Ballons

Seit über hundert Jahren gehen hunderttausende Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am 1. Mai auf die Straße, um ihre Stimme gegen soziale Ungerechtigkeit und für eine bessere Gesellschaft zu erheben. In Berlin wird der 1. Mai nun schon zum 14. Mal im Herzen Kreuzbergs gefeiert, beim MyFest. Und mit unseren Räumlichkeiten am Mariannenplatz bedeutete das für uns dieses Jahr: Wir sind mittendrin statt nur dabei!

Bei einem Infostand am Mariannenplatz haben wir tausend Luftballons verteilt, über unser Engagement informiert sowie über Missstände in der Integrationspolitik in Berlin und darüber hinaus diskutiert. Besonders gefreut haben wir uns über die Möglichkeit, uns bei einem Interview auf der Bühne des Mariannenplatz gemeinsam mit Friedrichshain hilft vorzustellen. Auf der Import&Export-Bühne am Heinrichplatz haben wir in einem politischen Beitrag unsere Sicht auf die derzeitige Situation der Asyl- und Integrationspolitik in Deutschland und insbesondere Berlin dargelegt. Den Text könnt Ihr hier nachlesen:

Liebe Kreuzbergerinnen und Kreuzberger, liebe Besucherinnen und Besucher des MyFest,

erstmal herzlichen Dank an die Organisatoren der Import&Export-Bühne für die Einladung für diesen Beitrag.

Wir stehen hier als Vertreterinnen von Kreuzberg hilft. Wir sind eine ehrenamtliche Initiative von Bürgerinnen und Bürgern, die in Berlin geflüchtete Menschen unterstützt – konkret und nachhaltig.

Gemeinsam mit anderen Initiativen sammeln wir Sachspenden und verteilen sie berlinweit. Unser Spendenraum ist im Herzen Kreuzbergs hier am Mariannenplatz. In den Kreuzberger Notunterkünften koordinieren wir gemeinsam mit den Betreibern die ehrenamtliche Unterstützung der Helferinnen und Helfer. Wir organisieren Aktivitäten mit Neu- und Alt-Berlinerinnen und -Berlinern. Von einmaligen Events wie Kinobesuchen. Bis zu langfristigen Aktivitäten wie unsere Koch-Gruppe, die regelmäßig gemeinsam Rezepte aus den Heimatländern der Geflüchteten kochen. Diese Form von Integration ist uns sehr wichtig: Mehr miteinander, statt übereinander sprechen. Nicht nur Dinge zu Menschen bringen, sondern auch Menschen mit Menschen zusammenbringen.

Denn eins ist klar: Es geht gar nicht, dass in Berlin immer noch Ehrenamtliche Jacken, Duschgel oder Babynahrung in die Unterkünfte oder ans LAGeSo bringen müssen. Wir stellen uns häufiger die Frage: Wie viel kann und soll Ehrenamt dabei eigentlich leisten? Denn in den letzten Wochen und Monaten wurde mehr als deutlich: Es gibt keine sogenannte „Flüchtlingskrise“, sondern eine Verwaltungskrise.

Kriege und globale Konflikte entstehen nicht von jetzt auf gleich, sondern bahnen sich über einen gewissen Zeitraum an. Ein Zeitraum, in dem es nötig und möglich gewesen wäre, sich auf die jetzige Situation vorzubereiten. Sowohl die humanitäre Unterstützung, als auch die Verwaltungsaufgaben und Strukturen. Das hat Berlin versäumt. Ehrenamt ersetzt Hauptamt. Weil die Verwaltung immer noch nicht dazu in der Lage ist, Geflüchtete menschenwürdig unterzubringen. Weil die Behörden nicht dazu in der Lage sind, die Qualität der Unterkünfte zu kontrollieren. Weil Geflüchtete immer noch viel zu lange warten müssen, bis das Asylverfahren abgeschlossen ist. Und weil es zu wenig staatliches Angebot für Integration gibt.

Ein Beispiel sind Deutschkurse. Hier gibt es einfach viel zu wenig Angebot. Und um das Fass noch zum Überlaufen zu bringen, fordert der Bundesinnenminister: Wer kein Deutsch lernt, wer keine Kurse besucht, soll abgeschoben werden. Lieber Thomas de Maizière, dann schaffen Sie erstmal genügend Angebot! Stattdessen werden Herkunftsstaaten wie Afghanistan als sicher erklärt. Und die Afghaninnen und Afghanen bekommen deswegen ihre Deutschkurse nicht mehr bezahlt. Für uns gibt es keine Geflüchteten erster und zweiter Klasse. Jeder Mensch hat verdient, vernünftig willkommen geheißen zu werden.

MyFest

Die Politikerinnen und Politiker – insbesondere aus dem Süden Deutschlands – müssen endlich damit aufhören, mit den Ängsten der Menschen zu spielen. Das schürt Vorurteile und baut Grenzen auf. Grenzen, die in Europa faktisch geschlossen sind. Grenzen, an denen Menschen auf ein neues Leben warten, nachdem sie alles hinter sich gelassen haben. Grenzen, an denen tausende Menschen ihre Zelte aufschlagen müssen, weil ihnen die Weiterreise verwehrt bleibt.

Denn, liebe Besucherinnen und Besucher des Myfests, DAS ist der Grund, warum die Zahl der Geflüchteten in Deutschland zurückgegangen ist. Die Anzahl der Menschen, die auf der Flucht sind, ist nicht gesunken. Nur die derjenigen, die ankommen. Davor dürfen wir die Augen nicht verschließen! Vor ein paar Monaten kamen über 1.000 Menschen täglich nach Berlin. Aktuell sind es unter 50. Und trotzdem zeigt sich die Berliner Verwaltung weiter überfordert. Ohne die vielen Ehrenamtlichen sähe alles noch schlimmer aus. Vielen Dank an dieser Stelle an unsere Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Wie eingangs gesagt, sind die Geflüchteten immer noch auf Spenden angewiesen. Deutschkurse werden von Ehrenamtlichen gegeben. Die Unterkünfte sind mit der Versorgung der Geflüchteten teilweise heillos überfordert. Statt endlich nachhaltig was zu ändern, verschenkt der Senat seine Energie für einen sogenannten Masterplan. Dieser Masterplan „Integration und Sicherheit“ beschreibt einen „Ist-Zustand“. Und ist wenig zukunftsweisend. Im sogenannten Dialogprozess sollten alle relevanten Gruppen in Berlin einbezogen werden. Schade nur, dass dazu weder Ehrenamtliche und – viel schlimmer – noch Geflüchtete gehören. Und trotz der sinkenden Zahl der Ankommenden leben immer noch fast 10.000 Menschen in über 60 Turnhallen.

Seit Wochen und Monaten streiten sich Senat und Bezirke über die Standorte für Container und modulare Unterkünfte. Liebe Verantwortliche: dieses Thema eignet sich nicht als Wahlkampfthema. Lasst uns endlich dafür sorgen, dass die Menschen aus den Turnhallen kommen. In vernünftige Unterkünfte.

Vor kurzem sagte ein Syrer zu mir: Wenn er einen Antrag für ein Amt übersetzen muss, gibt es ganz viel Hilfsangebot. Dafür sei er auch dankbar. Aber wenn er mal einen politischen Text schreiben möchte, hört ihm niemand mehr zu. Lasst uns das gemeinsam ändern. Integration ist eben mehr, als ein Feldbett in eine Turnhalle zu stellen.

Liebe Besucherinnen und Besucher des MyFests, wir haben drüben am Mariannenplatz einen Infostand. Kommt gerne vorbei und kommt mit uns ins Gespräch. Wir freuen uns auf den Austausch. Danke für die Aufmerksamkeit.