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Der Drops ist noch nicht gelutscht!

Kreuzberg hilft berichtet von der Informationsveranstaltung zum Bauvorhaben Jüterboger Strasse.

Leute, wir hatten schon ein bisschen Bammel vor dem Infoabend in der Passionskirche. Thema: Das Bauvorhaben der evangelischen Kirche am Rand der Bergmannfriedhöfe an der Jüterboger Strasse. Die Initiative gegen die Bebauung hatte dann auch mit Plakaten vor der Kirche aufgewartet, die Kirche selbst war gut gefüllt mit Gemeindemitgliedern und Bürger_innen aus der Nachbarschaft.

Das Podium bestand aus sieben Personen*, der auch aus der Kirchenasyl-Bewegung bekannte Pfarrer Quandt befand sich im Publikum. Alle im Thema und sachverständig, das hat dann auch maßgeblich die Atmosphäre des Abends bestimmt.

*Podium

  • Pfarrer Peter Storck, Evangelische Kirchengemeinde Heilig Kreuz Passion (Moderation)
  • Sascha Langenbach, Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF)
  • Florian Schmidt, Bezirksstadtrat für Bauen, Planen und Facility Management
  • Evelyne Gülzow, Geschäftsführerin Diakonischens Werk Berlin Stadtmitte
  • Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin Friedrichshain-Kreuzberg
  • Pfarrer Klaus-Ekkehard Gahlbeck, Evangelischer Friedhofsverband Berlin Stadtmitte

Nun könnten wir erzählen, wie der Initiator der Bebauungs-Gegner_innen gleich zu Anfangs dramatisch mit Anwaltsbrief und Bugwelle eine Bühne für sein Vorhaben suchte – und eher peinlich gescheitert ist. Wir könnten berichten, wie die Bedenken der Anwohner_innen mit Sachverstand und Sachlichkeit beantwortet wurden. Und das Teile der Initiative gegen die Bebauung auf Grund der im völkischen Ton verfassten Protestschreiben an verschiedene Fraktionen in der Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg ihre Unterstützung und Unterschrift zurück gezogen haben. Wir sind dankbar und unglaublich beeindruckt von der breiten Unterstützung der anwesenden Bürger_innen für die Unterbringung geflüchteter Menschen und für dieses Bauprojekt, das wir Euch hier noch einmal umreißen möchten:

  • Bauherr: Evangelischer Friedhofsverband Berlin Stadtmitte
  • Betreiber: Diakonisches Werk Berlin Stadtmitte e.V.
  • Geplante Bewohner_innenzahl: 160 in Apartments für je 1-4 Personen
  • Bauweise: Modulbau aber KEIN Tempohome, 5 Etagen, wobei das Erdgeschoss für Gemeinschaftsflächen sowie Freizeit- und Beratungsangebote genutzt wird
  • Gegebenenfalls Nachnutzung als Sozialwohnungen, falls irgendwann keine Unterbringungsmöglichkeiten für Geflüchtete mehr gebraucht werden

Es wurde ein nachhaltiges Konzept für die zukünftigen Bewohner_innen präsentiert, welches im Hinblick auf Begleitung und Integration auf allen Ebenen aufgestellt sein will – daher auch die im Vergleich geringe Anzahl geplanter Wohnplätze. Die Diakonie kann auf einen reichen Schatz an Erfahrungen in dem Gebiet und auf ein gutes Beratungs- und Betreuungsnetzwerk zurückgreifen. Wir finden das unterstützenswert.

Die meisten Fragen, Bedenken und auch Einwände gab es zu dem Bauvorhaben selbst. Dieses beschrieb Pfarrer Gahlbeck vom Friedhofsverband, bestätigt von Pfarrer Quandt wie folgt: Die Bebauung ist zum einen ein Riegel entlang der Jüterboger Strasse und in der zweiten Reihe ein zweites, kleineres Gebäude. Form und Teilung begründen sich in der Rücksichtnahme auf Kriegsgräber, noch aktive Gräber und alten, schützenswerten Baumbestand. Als Standort wurde der Bereich des Wirtschaftshofes gewählt, wo es keine historischen Grabstätten gibt und wo seit 25 Jahren keine Bestattungen mehr vorgenommen wurden. Die Baufläche ist geprüft worden, alle betroffenen Grabstellen wurden einzeln unter die Lupe genommen. Es wird keinen Durchgang zur Heimstrasse geben  und das Friedhofsgelände wird von der Unterkunft abgezäunt, damit Passant_innen den Friedhof nicht als Abkürzung zur Bergmannstraße nutzen. Auch hat man mit dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) gemeinsam die Verträglichkeit des Vorhabens für die Parkanlagen besprochen und nimmt Rücksicht, zum Beispiel auf den schützenswerten Baum. Es ist auch sehr deutlich gemacht worden, dass schon rechtlich auf bestimmt 20 Jahre keine weitere Bebauung der Friedhöfe möglich sein wird. Auch das wissen die Bebauungs-Gegner_innen: Es geht hier nur um eine Unterkunft für Geflüchtete.

Unser Fazit: Hier wird transparent und mit sehr früher Einbeziehung der Anwohner_innenschaft ein sozial nachhaltiges Projekt geplant. Dabei wird auf Pietät, Denkmalschutz, Umwelt und stadtplanerische Bedarfe Rücksicht genommen – selten genug heutzutage! Kreuzberg hilft drückt die Daumen, dass die Genehmigungsverfahren schnell und positiv beschieden werden. Denn mal Hand aufs Herz, die Lebenden verdienen es!

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Through Refugee Eyes

„Die Wahrheit zu sagen, war das erste Recht, das uns im Krieg genommen wurde, so begann ich auf der Flucht, mir das Fotografieren beizubringen. Ich lieh mir Computer, Bücher und Kameras, alles in der Hoffnung, später die Wahrheit darüber mitzuteilen, was den Familien in Syrien passiert ist. Am 26. Februar 2016 erreichte meine Familie Griechenland. Zwölf Tage später wurde die Grenze geschlossen und ich wurde offiziell zu einem Bewohner eines Zeltlagers. Über meine Kunst verleihe ich meinen Gefühlen Ausdruck, schreie sie hinaus und erzähle der Welt, was ich über sie denke. Ich träumte einmal davon, ein guter Künstler zu sein. Heute ist alles anders. Alles was ich möchte, ist, der Welt von den vergessenen Menschen aus Syrien zu erzählen.“ (Abdulazez Dukhan)

„Through Refugee Eyes“ – so lautet der Titel der Ausstellung die am 04. Januar 2017 im Mein Haus am See eröffnet wurde. Organisiert und kuratiert wurde sie von uns – Anne, Christina, Clara, Dora, Inga und Theresa – fünf Berliner Studentinnen, die sich über Kreuzberg hilft gesucht und gefunden haben.

Die Idee zur Ausstellung kam von Theresa, die bereits im November des vergangenen Jahres eindrücklich von ihren Erlebnissen im Geflüchteten-Camp Frakapor während ihrer freiwilligen Arbeit mit der Privatinitiative Swisscross berichtete. Während dieses Einsatzes lernte sie die vier syrischen Künstlerinnen und Künstler kennen, deren Arbeiten in der Ausstellung zu sehen sind. Alle verarbeiten in ihren Werken ihre Erlebnisse und Erfahrungen während der Flucht und schildern ihre derzeitige Situation mit Hilfe ihrer Kunst aus ihrer ganz eigenen Sicht. Einer Sicht, die hier in Deutschland immer noch viel zu wenig Beachtung findet.

Die Ausstellung beabsichtigte darum, den Fokus auf die Lage in Griechenland zu richten und dabei nicht über die Künstlerinnen und Künstler zu berichten, sondern sie selbst – mittels ihrer Kunst – zu Wort kommen zu lassen.

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Denn die Situation in den griechischen Camps ist prekär, die Zukunftsaussichten sind bedrückend. Betritt man das Flüchtlingslager Frakapor im Norden von Thessaloniki, Griechenland, schlägt einem der strenge Geruch von Fäkalien entgegen. In der Nähe eines Klärwerkes leben hier seit Monaten 500 Menschen in 120 Zelten in einer alten Fabrikhalle. Begrenzt in ihren Möglichkeiten, sowohl hinsichtlich der Berufsausbildung als auch der freizeitlichen Aktivitäten, verharren die Geflüchteten hier bereits ein Dreivierteljahr – ein baldiges Ende dieser Situation ist nicht in Sicht. Viele von ihnen waren zuvor bereits in Idomeni und wurden dann im Zuge der Auflösung des Camps nach Frakapor gebracht, im Gepäck eine Menge Hoffnungen auf bessere Lebensumstände und Zukunftsperspektiven. Kaum eine dieser Hoffnungen hat sich erfüllt.

Norshan Barjs, Reshan Barjs, Abdulazez Dukhan und Razan Issa nutzten die Zeit, um ihre Erlebnisse, Kriegserfahrungen, Ängste und Sehnsüchte in Bildern zum Ausdruck zu bringen und so zu verarbeiten.

Die elfjährige Razan hat eine klare Botschaft in die Welt zu tragen, die sie in ihren Zeichnungen zu Papier bringt: rebellisch und hoffnungsvoll zugleich, beeindruckt sie den Betrachter mit ihren aussagekräftigen Werken von hohem symbolischen Wert.

Anders als Razans zeichnerische Hilferufe, schafft der 18-jährige Abdulazez Dukhan eine Variation fotografischer Werke, die die längst nicht versiegte Lebensfreude der Kinder in den Lagern lebhaft illustriert. Abdulazez Dukhan versteht sich selbst als Pionier, als Augenöffner.

Norshan und Reshan, zwei junge Frauen aus Syrien, reflektieren in ihren Zeichnungen hingegen nicht nur ihre persönlichen Emotionen, sondern darüber hinaus auch die Bilderflut der Medien.

Ob Zeichnungen hoch symbolischen Charakters oder lebensfrohe Kinderporträts aus dem Alltag in Frakapor: gemein haben all diese Werke ihre unverfälschte Sichtweise auf die aktuelle Situation in Griechenland.

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Drei Monate Arbeit sind in die Organisation der Ausstellung geflossen. Es musste eine Location gefunden, Bilder mussten ausgewählt, gedruckt und auf Pappen gezogen werden, wir haben Begleit-Texte verfasst, uns um die Pressearbeit und Bewerbung der Ausstellung gekümmert und ein Abendprogramm für die Eröffnung organisiert. Dank des tollen und engagierten Teams, welches große Freude an dem Projekt hatte und der großartigen Zusammenarbeit mit Kreuzberg hilft, Mein Haus am See, der Band Borderless und allen voran den vier Künstlerinnen und Künstlern selbst hat all das wunderbar funktioniert und eine tolle Ausstellung und ein wundervoller Eröffnungsabend sind entstanden!

Unerwartet viele Kunst-Interessierte sind zur Vernissage gekommen und es gab zahlreiche spannende Gespräche und Möglichkeiten sich zu vernetzten oder sich über die Lage in Griechenland und die Werke der Künstlerinnen und Künstler auszutauschen. Abgerundet wurde der Abend durch einen Vortrag von Johanna, die mit Theresa vor Ort in Griechenland war und aus erster Hand über die Lage in Frakapor berichten konnte und durch die Musik der Band Borderless. Darüber hinaus konnten auch Spenden eingenommen werden, die direkt an die Kunstschaffenden gingen, die aufgrund ihrer aktuellen Situation und der politischen Lage bedauerlicherweise nicht vor Ort sein konnten. Auch Fotos vom Abend haben wir ihnen geschickt, und sie haben sich wahnsinnig über das große Interesse an ihrer Kunst und der Thematik gefreut.

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Wir freuen uns sehr darüber, dass der Abend so erfolgreich war und es uns allen miteinander gelungen ist, die Situation in Griechenland aus Sicht der geflüchteten Künstlerinnen und Künstler zu schildern, ihrer Stimme einen Raum zu geben, die sonst kaum gehört wird. Insbesondere angesichts eines aktuellen politischen Shifts hin zu weniger offenen und liberalen Gesellschaften und einem vermeintlich wieder salonfähigen Fremdenhass ist es uns wichtig, einen Beitrag zum aktuellen politischen Diskurs zu leisten. Auch und gerade indem wir versuchen, der Perspektive der Geflüchteten selbst die Öffentlichkeit zu verschaffen, die sie so dringend braucht: through refugee eyes eben.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 07. Februar 2017 im Mein Haus am See, wer also neugierig geworden ist, ist herzlich eingeladen, sie zu besuchen.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Mitwirkenden und all jenen, die unsere Ausstellung ermöglicht haben, insbesondere bei der Band Borderless, bei Johanna für ihren Vortrag, bei Mein Haus am See und bei Kreuzberg hilft e.V.

Wir sind offen und dankbar für Anregungen bezüglich weiterer Ausstellungsprojekte, um die Inhalte der Werke weiterzutragen. Angebote und Anregungen gern an: ausstellung.throughrefugeeeyes@gmail.com

Anne, Christina, Clara, Dora, Inga und Theresa

„Berlin braucht eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik!“

Kreuzberg hilft unterstützt die Forderungen des Flüchtlingsrat Berlin an die zukünftige Berliner Landesregierung.

Hier könnt Ihr unsere gemeinsame Erklärung mit dem Bündnis Neukölln, der KuB (Kontakt- und Beratungsstelle Berlin), Moabit hilft, dem Unterstützerkreis Storkower Str. von Pankow hilft, Willkommen im Westend, Vormund werden in Berlin und Weltweit – Asyl in der Kirche nachlesen:

Forderung zum Download als PDF

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Hilfseinsatz im Flüchtlingslager Frakapor, Griechenland – September 2016

Gastbeitrag von Theresa Quast (die bereits aus Lesbos und Idomeni berichtete)

„Ich finde keine Worte für das Gefühl, das ich empfand, als ich meinen Körper durch die Flughafenhallen Thessalonikis in Griechenland trug, um in den Flieger zurück nach Deutschland zu steigen. Eigentlich lastete dieses schwere Gefühl bereits auf mir, als ich mich ein paar Stunden zuvor von den vielen liebenswerten Bewohnerinnen und Bewohnern aus dem Flüchtlingslager Frakapor in Sindos verabschiedete. Bei der Verabschiedung wussten beide Seiten, dass ich nun in die andere Welt zurückkehren würde. Mein Gegenüber wusste, dass bei mir die „Normalität“, der geregelte Alltag sofort weitergehen könnte, wenn ich mich nur dafür entschied. Und dass mich das Flugzeug ohne Probleme innerhalb von zweieinhalb Stunden in das Land bringen würde, in dem Mutter, Vater, Kind, Schwester, Bruder, Onkel oder Tante wohnen. Deutschland, eines der Länder, in das sie einst all ihre Hoffnung gesteckt hatten. Am liebsten hätte ich dieses Privileg gar nicht genutzt und wäre bei meinen neu gewonnenen Freundinnen und Freunden geblieben. Aber wenn mir die Menschen aus dem Camp etwas mit auf den Weg gegeben haben, dann ist es, wie wichtig die eigene Familie ist. Also stieg ich in den Flieger und schreibe diese Zeilen nun von Deutschland aus.

Während meines Einsatzes veränderte sich die Zukunftsvision für einige Bewohner grundlegend. So verfolge ich mit diesem Bericht zwei Ziele. Erstens, die Beschreibung unserer Arbeit als freiwillige Helfer und der allgemeinen Umstände im Norden von Griechenland. Und zweitens möchte ich einen lauten Hilferuf weiterleiten.

Mittlerweile sind um die 60.000 Menschen in Griechenland gestrandet und haben keine (konkreten) Zukunftsperspektiven.

Die Organisation Swisscross.help, die in privater Initiative 2015 durch Michael Räber gegründet wurde, hat sich zwei Flüchtlingslagern in Griechenland mit insgesamt circa 1.100 Bewohnern angenommen. In den Flüchtlingslagern (Frakapor und Karamanlis) verteilte er mit seinem Team von Beginn an zusätzliches Trinkwasser, organisierte Kochmöglichkeiten und Internetzugänge. Unter anderem rief Swisscross.help in beiden Camps je eine Schule „Cultural Center“ und einen „Shop“ ins Leben, über den die Menschen mit einem Punktesystem Nahrungs- und Hygieneprodukte beziehen können. Die Schule wird weitestgehend von den geflüchteten jungen Menschen selbst geleitet. Ausschließlich der Griechisch- und Deutschunterricht wird von griechisch- beziehungsweise deutschsprachigen Freiwilligen durchgeführt.

Der „Shop“ versorgt die Menschen neben Shampoo,Wasch- und Spülmittel mit reichhaltigen Nahrungsmitteln wie Gemüse, Milch und Brot. Die zusätzlichen Nahrungsmittel sollen über die Catering-Lieferungen hinausgehen, sodass Mangelerscheinungen vermieden werden. Außerdem soll den Menschen mit der Möglichkeit, ihr Essen selbst auszusuchen, ein Stück Freiheit eingeräumt werden. Jeder Person stehen täglich zwei Punkte zur Verfügung, ein weiterer Punkt im Falle von Diabetes. Für einen Punkt erhält man beispielsweise zwei Tomaten. Shampoo oder eine Gaskartusche „kosten“ allerdings bereits vier Punkte. Innerhalb von einer Woche können sich nicht verwendete Punkte summieren.

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Mittag- und Abendessen, Catering Service

Mittagessen, eigene Zubereitung

Mittagessen, eigene Zubereitung

Neben Logistikaufgaben des Ladens war aktuell die Versorgung mit Decken und Winterjacken von großer Bedeutung. Die Temperaturen sinken langsam und die Menschen haben als Nachwirkung der Idomeni-Zeit große Angst vor dem Winter.

Im Flüchtlingslager Frakapor, in dem ich größtenteils tätig war, leben über 500 Menschen. 120 Zelte wurden vom griechischen Militär in und außerhalb einer alten Fabrikhalle aufgestellt.

Frakapor Flüchtlingslager

Frakapor Flüchtlingslager

Kochstelle: da einige Familien keinen Gaskocher haben, nutzen sie Feuerstellen

Kochstelle: da einige Familien keinen Gaskocher haben, nutzen sie Feuerstellen

Die Fabrikhalle liegt gegenüber einer Kläranlage, sodass Luft und Wasser nach Fäkalien riechen. Dennoch: Wenn man nur ein paar Tage im Camp Frakapor verbringt, bleibt einem vielleicht der Eindruck, dass die Menschen hier doch gut versorgt sind – also kein Grund zur Panik. Sie überleben.

Doch was macht das Leben eines Menschen aus – was unterscheidet den Menschen vom Tier?

Bild: Reshan Barjs (21 J.), Bewohnerin des Lagers Frakapor

Bild: Reshan Barjs (21 J.), Bewohnerin des Lagers Frakapor

Was, wenn die Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlafen weitestgehend befriedigt sind? Der Mensch strebt nach Autonomie, die unter den aktuellen Umständen im Camp Frakapor extrem eingeschränkt ist. Für Selbstbestimmung ist hier kein Platz; besonders in Bezug auf die Zukunftsplanung.

Für geflüchtete Menschen in Griechenland gibt es drei legale Zukunftsoptionen. Nach einer Vorregistrierung können sie

a) versuchen, über das sogenannte „Relocation Program” in ein anderes EU-Land umgesiedelt zu werden

b) um Familienzusammenführung bitten, wenn bereits Familienmitglieder in einem anderen Europäischen Land Asyl beantragt haben

c) Asyl in Griechenland beantragen.

Knapp eine Woche nach meiner Ankunft wurden die Termine für die Interviews für das „Relocation Program“ bekannt gegeben. Die Stimmung im Camp war seit der Bekanntgabe der Termine extrem gedrückt, die Blicke der Menschen leerer.

Nachdem die Menschen bereits seit sieben Monaten festsitzen, müssen nun viele von ihnen weitere sieben bis acht Monate ausharren: die Interviewtermine liegen teils im Mai 2017. Dem Interview folgen weitere Wochen oder gar Monate des Wartens, der Unsicherheit. Acht Wunschländer müssen beim Interview angegeben werden. Welches dieser acht Länder es wird, bleibt ungewiss. Sie sind dem System ausgeliefert. Wie der Winter in diesen Flüchtlingslagern überstanden werden soll – auch diese Frage bleibt bisweilen ungeklärt.

Als freiwilliger Helfer fühlt man sich daher ebenso machtlos und ausgeliefert. Denn man kehrt in ein Land zurück, in dem ganz andere Fragen im Vordergrund stehen: Wie gelingt Integration am besten? Schaffen wir das? Was wollen wir schaffen und wer steht uns dabei im Wege? Und warum nehmen die anderen EU-Länder eigentlich keine Flüchtlinge auf?

Griechenland steckt neben all dem auch noch in einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise. „Wir dürfen Griechenland mit dem Flüchtlingsproblem nicht alleine lassen.“, so der Präsident des Europaparlaments Martin Schulz Ende Mai 2016. Alle 28 Mitgliedstaaten sollen sich beteiligen. Doch einige weigern sich. Schulz führte fort, dass es „(…) in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts, in der wir leben, (…) keine nationalen Antworten auf globale Probleme wie die Migration mehr gibt“.

Die Mitgliedsstaaten sollten also mehr Hand in Hand arbeiten. Es sollten mehr ausgebildete Fachkräfte aus verschiedenen Ländern in den griechischen Asylbüros mitwirken, um den Prozess zu beschleunigen. Weitere sieben Monate Leben im Zelt – das zermürbt den Geist der Menschen, der auf Grund von Kriegserfahrungen grundsätzlich belastet ist. Wohin mit Gedanken an das Heimatland, an Hinterbliebene, an Verstorbene, und wohin mit der Sehnsucht nach den Familienmitgliedern? Der Prozess der Traumatisierung hat kein Ende und es fühlt sich für die Menschen wie ein nicht enden wollender Alptraum an. Ich behaupte, dass jede Frau zu Weinen beginnt, wenn man sich auf sie und ihren Zustand einlässt. Wir haben viele Frauen und auch Männer trösten müssen. Das Weltbild der festsitzenden Menschen in Griechenland wird stetig negativer. Mein ständiger Begleiter und freiwilliger Helfer, selbst ehemaliger Bewohner des Camps, formulierte es so, dass hier eine Kriminalisierung der Menschen stattfindet. Bin ich selbst nichts wert, ist der andere auch nichts wert. Lieferst Du mir über zwölf Monate hinweg mein Essen, würdigst mich aber keines Blickes, so nehme ich mir morgen Dein Fahrrad.

Daher ist die freiwillige Hilfe dort sehr wichtig. Wir wollen ihnen zeigen, dass sie nicht vergessen wurden. Wir möchten den Menschen zeigen, dass sie gleich viel wert sind wie wir. Der einzige Unterschied ist, dass wir für teils 20 Euro in das Flugzeug steigen dürfen, wofür sie 3000 Euro benötigen, sich gegebenenfalls die Haare blond färben und einen Sonnenhut anziehen müssen. Wenn einem die 3.000 Euro zur Verfügung stehen, durchläuft man als Geflüchteter demütigende Versuche, an der Passkontrolle vorbei zu kommen. Wird der illegale Fluchtversuch bemerkt, schickt die griechische Polizei den Geflüchteten zurück ins Camp. Wenn ihnen danach ist, geben die Polizisten den Tipp, der Pass der Mutter müsse noch einmal überarbeitet werden, der des Kindes sei aber bereits akzeptabel. Meinem Verständnis nach wird die Würde der Geflüchteten mit Füßen getreten. Was gerade in Griechenland, also in Europa passiert, nenne ich menschenverachtend. Wir alle können uns die Frage öfter stellen, was uns das Privileg hier geboren zu sein, wert ist, und ob man dieses Distanz-Gedankenkonstrukt gegenüber der flüchtenden Menschen aufzulösen vermag. Über kulturelle Unterschiede bin ich mir bewusst, und kann nur aus meiner Sicht sagen, dass ich die arabische Kultur als unheimlich spannend und bereichernd empfinde. Und auch über grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten lässt sich mit den geflüchteten Menschen sprechen. Es gibt neben dem Streben nach einem Leben in Frieden noch viele weitere Gemeinsamkeiten. Ich denke, gemeinsam sind wir stärker. Abwehr lässt diese Zusammenarbeit nicht zu und ich hoffe, dass so manch eine Angst durch den Kontakt zu den Geflüchteten aufgehoben werden kann.“

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© Abdulazez Dukhan

Wenn Ihr Fragen zur Flüchtlingshilfe in Griechenland habt, könnt Ihr gerne eine Mail an media@kreuzberg-hilft.com schreiben. Wenn Ihr selbst in Griechenland helfen wollt, könnt Ihr Euch auf folgenden Webseiten die Arbeit genauer angucken:

Schwizer Chruez

Border Free

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Offener Brief: Forderung nach Schutz für Schutzbedürftige

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (bzw. das neue LAF: Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten) muss endlich Geflüchtete besser unterbringen und versorgen – um so mehr gilt das für besonders Schutzbedürftige. In Kreuzberger Unterkünften gibt es mehrere (Hoch-)Schwangere und schwer psychisch Erkrankte mit ärztlichem Attest, das eine weitere Unterbringung in einer Turnhalle als eine enorme gesundheitliche Gefährdung einstuft. Zu einer alternativen Unterbringung wird mehr als dringend geraten.

Mit diesen Fällen haben sich sowohl die Betreiber der Unterkünfte, als auch wir uns mehrfach an das zuständige LAGeSo gewandt. Bisher ist jedoch nichts passiert. Das finden wir verantwortungslos.

Gemeinsam mit den Betreibern der Kreuzberger Notunterkünfte AWO Kreisverband Berlin Spree-Wuhle e. V., care&shelter gGmbH, Die Akzente-Sozial UG und Mavi gGmbh, sowie dem Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. haben wir uns erneut an die Verantwortlichen im LAGeSo bzw LAF und Senator Mario Czaja gewandt mit der Aufforderung: Handelt endlich, jetzt!

Den offenen Brief könnt Ihr hier in voller Länge lesen.

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Zehn Monate Kreuzberg hilft – ein Rückblick und eine Vorausschau mit „Hurra“-Effekt

Vor fast einem Jahr, Anfang September 2015, wurde Kreuzberg hilft gegründet. Was in den letzten zehn Monaten passiert ist, ist wirklich enorm. Und da bekanntlich Zahlen am besten für sich sprechen, haben wir hier einige für Euch zusammengetragen:

285.527 mal wurde unsere Homepage aufgerufen,

116.002,76 Euro Spendengelder bekommen,

12.374 E-Mails mit Anfragen aller Art,

5.292 Stunden haben wir in unseren Räumlichkeiten Spenden angenommen und sortiert,

945 Lieferungen an Unterkünfte berlinweit ausgefahren,

94 Aktivitäten haben wir mit Geflüchteten in Zoos, Museen, Konzertsälen und Sportstätten unternommen,

rund 50 Deutschlernklassen angeboten,

16 Mal waren wir mit Geflüchteten klettern,

11 Mal haben wir miteinander Basketball gespielt,

23 Mal haben wir uns für Yoga-Klassen getroffen,

3 HipHop-Workshops, 3 Foto-Workshops und 2 Kunstwerkstätten haben wir organisiert,

15 Mal hat sich unsere Koch-Gruppe zum Brutzeln und Schlemmen verschworen,

22 Mal hat unsere Garten-Gruppe sich zum Ackern, Jäten, Säen und Buddeln getroffen,

17 Mal haben wir an unserem Flohmarktstand Kitsch und Krempel verkauft,

6 Social Days mit Unternehmen durchgeführt,

9 Förderanträge geschrieben,

39 Orga-Treffen und 42 Infotreffen durchgeführt.

Hinzu kommen Vernetzungs- und Koordinationstreffen mit anderen Initiativen und Helferkreisen, mit Betreibern von Unterkünften, dem Gesundheitsamt, Politikerinnen und Politikern, Runde Tische, Workshops, Weiterbildungen und Infostände in nicht mehr zu rekonstruierender Zahl.

An dieser Stelle erst einmal ein herzliches DANKESCHÖN an alle unsere Unterstützerinnen und Unterstützer: Wir alle machen Kreuzberg hilft zu dem, was es ist.

Es ist also wieder einmal an der Zeit, zurück zu blicken und eine (Zwischen-)Bilanz zu ziehen. Das haben wir zu Ende des letzten Jahres schon einmal gemacht (siehe Teil 1 und Teil 2). Auf der einen Seite sind wir mehr als beeindruckt davon und auch stolz auf das, was wir im Namen von Kreuzberg hilft in den letzten zehn Monaten gemeinsam geleistet haben. Andererseits bringt uns die noch immer andauernde Notwendigkeit unserer Arbeit mehr denn je zum Nachdenken und Zweifeln. Weiterlesen

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Kreuzberg hilft beim MyFest 2016

Seit über hundert Jahren gehen hunderttausende Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am 1. Mai auf die Straße, um ihre Stimme gegen soziale Ungerechtigkeit und für eine bessere Gesellschaft zu erheben. In Berlin wird der 1. Mai nun schon zum 14. Mal im Herzen Kreuzbergs gefeiert, beim MyFest. Und mit unseren Räumlichkeiten am Mariannenplatz bedeutete das für uns dieses Jahr: Wir sind mittendrin statt nur dabei!

Bei einem Infostand am Mariannenplatz haben wir tausend Luftballons verteilt, über unser Engagement informiert sowie über Missstände in der Integrationspolitik in Berlin und darüber hinaus diskutiert. Besonders gefreut haben wir uns über die Möglichkeit, uns bei einem Interview auf der Bühne des Mariannenplatz gemeinsam mit Friedrichshain hilft vorzustellen. Auf der Import&Export-Bühne am Heinrichplatz haben wir in einem politischen Beitrag unsere Sicht auf die derzeitige Situation der Asyl- und Integrationspolitik in Deutschland und insbesondere Berlin dargelegt. Den Text könnt Ihr hier nachlesen:

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“Dear Sun, please shine on us, it’s very cold here.” – Bericht aus Idomeni

Ein Gastbeitrag von Theresa Quast.

Ihr habt es sicher schon festgestellt: In den letzten Wochen hat sich der Kern der Debatte über Geflüchtete in Deutschland und Europa verschoben. Während im Herbst durchschnittlich etwa 1.000 Menschen täglich nach Berlin kamen, sind es derzeit nur noch circa 70 Menschen. Auch deswegen verändert sich die Diskussion in Berlin: Weg von den langen Schlangen vor der Registrierungstelle am LAGeSo, hin zu der Frage, wie die Unterbringung für die Geflüchteten gestaltet werden kann. Bei allem Verständnis für diese Diskussion  – wie Ihr wisst, sind wir selbst stark involviert in Fragen der Unterbringung, Versorgung und Qualitätsstandards in den Unterkünften – lohnt sich ein Blick über die Grenzen hinweg hin zu den Ursachen der sinkenden Zahl der Ankommenden. Denn die europäischen Grenzen sind faktisch geschlossen. Die EU schließt einen äußerst diskussionswürdigen Deal mit der Türkei. Die Balkanroute, über die viele Menschen nach Europa gekommen sind, wurde dicht gemacht. Für die Menschen, die vor Krieg, Terror und Verfolgung fliehen, ist kaum noch eine Möglichkeit vorhanden, nach Europa zu kommen. Doch das bedeutet nicht, dass sich die Menschen nicht mehr auf den Weg machen würden. Ihre Reise, zu der sie keine Alternative sahen, als sie aufbrachen, ist nur noch schwerer und unsicherer geworden. Sie harren an den Außengrenzen aus und hoffen auf eine Öffnung der Grenzen. Die Zahlen über die ankommenden Geflüchteten in Deutschland täuschen darüber hinweg. Einer dieser Orte an der europäischen Außengrenze ist Idomeni in der nordgriechischen Region Zentralmakedonien an der Grenze zur Republik Mazedonien. Theresa Quast, die Euch in einem Gastbeitrag im Januar bereits über die Situation auf Lesbos informiert hat, ist derzeit in Idomeni.

Wie sich die Lage und das freiwillige Engagement dort gestaltet, beschreibt Theresa in diesem Gastbeitrag:

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Hinschauen, wo Europa wegschaut. Anpacken, wo Europa die Hände in die Taschen steckt. – Bericht aus Lesbos

Gastbeitrag von Theresa Quast, einer freiwilligen Helferin aus Lesbos.

Die Begegnungen mit den geflüchteten Menschen, die ich durch die Arbeit mit Kreuzberg hilft erleben darf, führten mich auf eine Reise weit weg von Berlin. Als ich im Flugzeug nach Lesbos saß, sprachen mich meine zwei griechischen Sitznachbarn an: „Why do you go to Lesvos? You are a volunteer?“. Die beiden betonten aufrichtig ihre Dankbarkeit dafür, dass freiwillige Helferinnen und Helfer aus allen Ländern kommen, um sie in dieser Notlage zu unterstützen.

Die flüchtenden Menschen, die auf Lesbos ankommen, haben nichts bei sich als die Kleidung, die sie tragen und manchmal noch einen kleinen Rucksack oder eine Plastiktüte. Sie haben alles hinter sich gelassen, häufig auch ihre Familie – vorerst oder für immer. Daher sind es viele junge Männer, die sich auf den Weg machen. Weil sie nicht in den Krieg ziehen und unschuldige Menschen töten wollen. Weil sie eine solche Bootsüberfahrt noch am ehesten überleben. Es kommt vor, dass die türkische Küstenwache die Schlauchboote aufschlitzt und die Männer zurück ans Ufer schwimmen lässt. Nicht nur einige hundert Meter, sondern einige Kilometer. Auch bei Eiseskälte. Die Frauen und Kinder werden mit Schiffen der Küstenwache zurück gebracht und können dann sehen, wie und ob sie ihre Männer oder Brüder, Cousins oder Freunde je wieder sehen.

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Zu den Zuständen in zwei Kreuzberger Notunterkünften

Vor Weihnachten haben wir Euch an unseren Gedanken zum Jahresende teilhaben lassen. Hier haben wir Euch erzählt, wie wir mit Eurer Hilfe den Aufbau von mehreren Notunterkünften unterstützt haben. Das Thema Notunterkünfte beschäftigt uns auch über die Aufbauphase hinaus. Denn auch im „Alltagsgeschäft“ sind wir als Kreuzberg hilft eingebunden: bei der Kommunikation mit dem Träger/Betreiber bzw. den Hauptamtlichen der Notunterkunft, der Koordinierung der Ehrenamtlichen oder der Einrichtung des Volunteer Planners, über den Ihr Euch für die ehrenamtliche Unterstützung in den Unterkünften eintragen könnt.

Seit einigen Wochen sind wir sehr besorgt über die anhaltend schwierige Lage der Bewohner_innen der von der Akzente-Sozial UG betriebenen Notunterkünfte am Tempelhofer Ufer und in der Geibelstraße. Nach zahlreichen Gesprächen mit den Verantwortlichen einerseits, mit ehrenamtlich aktiven Helfer_innen andererseits, hat sich unsere Sorge als berechtigt herausgestellt: In den beiden Notunterkünften der Akzente-Sozial UG geht es drunter und drüber.

Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer, in diesem Beitrag wollen wir Euch mehr über die aktuelle Situation in den Unterkünften und die Lage der Bewohnerinnen und Bewohner erzählen und darüber berichten, welche Schritte bisher unternommen wurden, um diese zu verbessern.

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