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Wie uns die Spucke wegbleibt,
die Puste aber nicht ausgeht

HelpingHands

Zwei Wochen ist es erst her, dass wir Kreuzberg hilft ins Leben gerufen haben. Getragen von viel Idealismus, Frustration und Fassunglosigkeit über das Nichtstun seitens des Berliner Senats und der Verantwortlichen auf politischer Ebene, haben Simone, Mareice, Lisa und Patricia beschlossen: Nichtstun ist keine Option!

Deshalb haben wir uns vor Kreuzberg hilft schon engagiert und deshalb gibt es Kreuzberg hilft. Unsere Arbeit ist ehrenamtlich. Wir verbingen Tage im Homage Store, unserem Sammelraum für Sachspenden. Wir beantworten täglich hunderte von E-Mails und organisieren noch nachts den nächsten Tag. Wir telefonieren mit Unterkünften für geflüchtete Menschen, gleichen Bedarfslisten ab, koordinieren Fahrer_innen, sortieren die Spenden. Niemand bezahlt uns dafür – uns nicht und keine_n der zahlreichen Helfer_innen.

Das ist eine Situation, die es zu ändern gilt. Schnell, am besten gleich morgen. Wir fragen uns: Warum ist so viel kostenlose Sozialarbeit überhaupt notwendig? Nicht nur einmal stellte sich uns in diesen ersten zwei Wochen die Frage, ob wir das überhaupt weiter machen sollen, weiter machen können. Sind wir doch mit der Idee gestartet, eine vorübergehende Fehlplanung durch bürgerschaftliches Engagement zu überbrücken, nicht jedoch diesen Zustand durch unsere Arbeit aufrecht zu erhalten. Noch immer gäbe es ohne die Hilfe der vielen Freiwilligen keine ausreichende Versorgung der geflüchteten Menschen – nicht einmal medizinisch, wie wir jeden Tag am LaGeSo erleben müssen.

Und dann stehen wir wieder in unserer Kreuzberger Sammelstelle, viele Menschen bringen Sach- und Geldspenden. Tolle Sachen. Neue Sachen. Unzählige Helfer_innen sortieren, organisieren und fahren jeden Tag in einem Schichtsystem. Unser Einsatzplan ist bis Ende Oktober voll, jeden Tag melden sich weitere Menschen, die helfen möchten. Menschen mit tollen Ideen, tollen Projekten, Engagement mit Herz und Hirn. So viel Gutes entsteht.

Und dann passiert das: Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsausschuss auf ein Maßnahmenpaket zur Asylpolitik geeinigt. Wir sind fassungslos und uns bleibt die Spucke weg. Das Maßnahmenpaket umfasst Punkte, die die Situation für Geflüchtete verschärfen. Zur Vermeidung sogenannter Fehlanreize. Statt drei sollen Geflüchtete nun bis zu sechs Monaten in den Erstaufnahmestellen verbleiben und dabei durch die wieder eingeführte Residenzpflicht an ihrer Bewegungsfreiheit gehindert werden. Gutscheine statt Bargeld minimieren das ohnehin schon fast gar nicht existierende Recht auf gesellschaftliche Teilhabe und Selbstbestimmung. Was dadurch entsteht: Ausgrenzung und Diskriminierung statt Inklusion. Gleichzeitig führt die Bundesregierung die Grenzkontrollen wieder ein. Wir sind fassungslos.

Während die Bevölkerung unglaubliches Engagement zeigt und mit großen Gesten Schutzsuchende willkommen heißt, konterkarieren die Beschlüsse der Bundesregierung die überwältigende Hilsbereitschaft.

Wir möchten kritisch bleiben, mit uns und unserer Arbeit – und mit der Politik der Regierung des Landes, in dem wir leben. Uns, Kreuzberg hilft, gibt es seit zwei Wochen. Zwei Wochen, in denen viel passiert ist. Zwei Wochen, in denen wir Vieles gelernt haben und noch viel mehr, was wir noch lernen müssen. Kreuzberg hilft, das sind längst nicht mehr nur Simone, Mareice, Lisa und Patricia, das sind viele mehr. Unser Sammelraum ist vollvoll und schon zig Male geleert und wieder gefüllt worden.

Jeden Tag erleben wir, dass die Arbeit von Kreuzberg hilft gebraucht wird – am LaGeSo, in den Unterkünften und im alltäglichen Miteinander. Wir wollen die Möglichkeiten, die wir schaffen können, nicht ignorieren. Um unsere Hilfe und unsere Forderungen zu kanalisieren, nehmen wir ab dieser Woche Sachspenden nur noch von Mittwoch bis Freitag an – nach wie vor alles, was auf der Bedarfsliste steht (und nur das). Wir müssen uns nun sammeln, sortieren und organisieren.

Wir möchten uns Zeit nehmen für die Vermittlung von Aktionen, die Bildung von Arbeitsgruppen, die Vernetzung mit anderen Initiativen. Vor allem möchten und müssen wir weiter diskutieren, wie wir die leider immer noch so dringend benötigte Ehrenamtsarbeit schaffen können.

Wir werden weiter berichten.

Aus dem Herzen Kreuzbergs:
Simone, Lisa, Mareice & Patricia

 

Foto: Mareice Kaiser / Helfende Hände